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Verein zur Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses e.V.
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Die zwei Seiten der Wissenschaft:
Zwischen inhaltlicher Begeisterung und institutioneller Frustration

 

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Funda Akoğullari, Dr. Gudrun Richter-Witzgall, Prof. Dr. Michael Meuser, Matthias Neis, Anne-Marie Scholz

Was macht die Wissenschaft so unwiderstehlich? Und wo liegen institutionelle Stolpersteine?  Diesen und weiteren Fragen gingen die Gäste der Podiumsdiskussion „Wissenschaftlicher Hürdenlauf: Sportlicher Ehrgeiz oder Zwang zur Selbst-Aufgabe?“ am Freitag, den 27. Mai 2011 in Düsseldorf nach. Neben den Podiumsgästen nahmen auch rund 40 Interessierte, z.B. Studierende, wissenschaftliche Hilfskräfte und wissenschaftliche Beschäftige teil. Diese hatten nach der Veranstaltung die Gelegenheit, Kritik an den Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu üben und Verbesserungen zu fordern – wovon auch einige von ihnen Gebrauch machten. Dabei zeigte auch die Politik Interesse an der Veranstaltung: So war zum Beispiel Stefan Wiedon (CDU), MdL und Mitglied des Wissenschaftsausschusses, im Publikum vertreten. Er bat die Podiumsgäste innerhalb der Diskussion um entsprechende Vorschläge zur Verbesserung der Situation der wissenschaftlich Beschäftigten.  

Gäste der Podiumsdiskussion waren:

  • Prof. Dr. Michael Meuser, Professor für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Technischen Universität Dortmund und Prodekan für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs am Institut für Soziologie

  • Dr. Gudrun Richter-Witzgall, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Vertrauensfrau an der Sozialforschungsstelle Dortmund

  • Matthias Neis, ver.di-Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung

  • Anne-Marie Scholz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik

  • Funda Akoğullari (Moderation), Westdeutscher Rundfunk

Nach einer ersten Einführung durch die Moderatorin und einigen Grußworten der Vorsitzenden Paula Wiesemann machte Matthias Neis von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) in einem Impulsvortrag zunächst die prekären Beschäftigungsbedingungen, denen Wissenschaftler_innen und Nachwuchskräfte zunehmend ausgesetzt sind, deutlich. Dabei bringt ein Zitat von Albert Einstein die aktuelle Debatte um die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftler_innen bereits auf den Punkt: "Die Wissenschaft ist eine wunderbare Sache, wenn man nicht davon leben muss." Denn charakteristisch für das Wissenschaftssystem sei die zunehmende Befristung von Arbeitsplätzen –  im Jahre 2008 waren bereits 85 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen an deutschen Hochschulen befristet beschäftigt. Die Befristung und damit einhergehende Unsicherheit des Arbeitsplatzes gilt daher als Hauptgrund für Frustration und fehlende Perspektiven von Wissenschaftler_innen. Dabei wird dieser Umstand durch die steigende Anzahl an Teilzeitstellen noch verschärft. Bei dem Balanceakt zwischen Arbeit und Freizeit bleibt häufig letzteres auf der Strecke. Denn oftmals reicht die halbe Stelle nicht aus, um die anstehende Arbeit zu bewältigen. So wird (mehr oder weniger implizit) vorausgesetzt, dass liegen gebliebene Arbeit zu Hause erledigt wird. Unbezahlte Mehrarbeit ist an der Tagesordnung - und wird meist mit einem persönlichen Interesse am (Forschungs)Thema legitimiert. De facto wird also auch bei einer vermeintlich „halben Stelle“ in der Regel in Vollzeit gearbeitet. Hier mag einer der Gründe dafür liegen, warum Frauen in der Wissenschaft so häufig kinderlos bleiben. Das Wissenschaftssystem scheint daher für den sogenannten „Workaholic“ prädestiniert zu sein – oder auch Workaholics erst zu produzieren.

Matthias Neis beschreibt die typischen Wissenschaftler_innen als  „Carrotworkers“. Nach dem Motto „Immer der Karotte nach“ hangeln sie sich von einem Fristvertrag zum nächsten – immer auf der Jagd nach der Karotte, die er – ähnlich dem Esel, der von der Illusion der nahen Belohnung angetrieben wird - niemals erreichen wird. Dabei ist die Karotte mehr also nur ein Nahrungsmittel, sie ist ein Synonym für eine den „Carrotworker“ inhaltlich befriedigende Arbeit, die sich im Idealfall auszahlen wird.

Eine Sicherheit gibt es hierfür jedoch nicht. Befristete Stellen sind demnach kein Übergangsphänomen – sondern ein steter Begleiter. Wo liegt bei diesen Rahmenbedingungen noch der Reiz, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen? Die Intrinsische Motivation ist hier das Zauberwort.  So seien hauptsächlich das inhaltliche Interesse an wissenschaftlichen Themen und die damit verbundene Selbstidentifikation das Hauptmotiv für eine wissenschaftliche Tätigkeit. Die intrinsische Motivation und die Begeisterung für die eigene Arbeit – zusammen mit den langen Qualifikationswegen – überdecken so die prekären Arbeitsbedingungen, erklärt Neis. Er fordert daher Mindeststandards bei der Befristung, die Aufhebung der Tarifsperre im Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) sowie Tarifverträge für sämtliche Beschäftigten.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion berichteten Prof. Dr. Michael Meuser, Dr. Gudrun Richter-Witzgall, Matthias Neis sowie Anne-Marie Scholz unter der Moderation durch Funda Akoğullari von ihrem persönlichen „Hürdenlauf“ in der Wissenschaft und diskutierten über Rahmen-bedingungen der wissenschaftlichen Arbeit und Möglichkeiten für eine Verbesserung. Was Matthias Neis in seinem Vortrag statistisch belegte, spiegelte sich in der Diskussion weitestgehend wider. Zusammengefasst lässt sich dabei feststellen: Auch früher gab es befristete Stellen – jedoch war die Lage bei weitem nicht so prekär wie heute. Auch den wachsenden Druck und die zunehmende Doppelbelastung konnten die Beteiligten bestätigen. Denn mit dem Projektende wächst in der Regel auch die Arbeit – gleichzeitig rückt damit das Vertragsende immer näher. In diesem Kontext wird auf dem „Forschungsmarkt“ immer mehr verlangt – und dies in immer kürzerer Zeit. „Ohne inhaltliche Motivation geht es nicht“, betont Dr. Richter-Witzgall. Auch für Prof. Dr. Meuser sind Leidenschaft und Faszination für die eigene Arbeit die zentralen Schlagworte für eine erfolgreiche Wissenschaftskarriere.

Mit den erhöhten Anforderungen sieht sich auch der Nachwuchs konfrontiert: Sie müssen die Gratwanderung zwischen Projektarbeit und Promotion meistern. Beides unter einen Hut zu bekommen, gestaltet sich oftmals äußerst schwierig. Auch Anne-Marie Scholz, die derzeit am Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik promoviert, bemängelt eine Planbarkeit für die eigene Karriere – obwohl sie ihre eigene Lage als verhältnismäßig komfortabel beschreibt. So lange die institutionellen Rahmenbedingungen jedoch so bleiben, ist eine Entlastung hier kaum möglich.

Die hier exemplarisch zusammengefassten Aussagen machen daher deutlich: Verbesserungen im Wissenschaftssystem sind notwendig und werden von allen Beteiligten dringend gefordert. Jedoch  bedarf es hierfür einer komplexen und umfassenden Veränderung, die nur in Zusammenarbeit vieler Teilsysteme und Beteiligter zu bewerkstelligen ist. Hier ist nicht zuletzt auch der wissenschaftliche Nachwuchs gefragt, der sich - so eine der Feststellungen –  gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse und unfaire Arbeitsbedingungen zur Wehr setzen und damit anfangen muss, sein eigenes „Schicksal“ in die Hand zu nehmen.


Julia Laska || VVwN e.V. || Mai 2011
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